Ein Sport, der mehr ist als Training

Wie der Taekwondo-Unterricht mein Leben geprägt hat

Wir hören in Interviews von Profisportlern immer wieder, dass ihre Sportart ihr Leben komplett verändert hat. Bei vielen liegt das daran, dass sie ihren gesamten Alltag auf das Training ausrichten können – und damit oft auch Geld verdienen.
Doch kann Taekwondo auch das Leben von Hobbysportlern verändern? Kann er neue Impulse setzen und den Alltag nachhaltig prägen?
Mit dieser Frage habe ich mich zum ersten Mal intensiver beschäftigt, als ich meine schriftliche DAN-Arbeit für die Prüfung zum Schwarzgurt geschrieben habe.

Meine ersten Schritte im Sport

Sport begleitet mich schon seit meiner frühen Kindheit – angefangen beim Mutter-Kind-Turnen mit einem Jahr. Doch als ich mit 16 Jahren an die Black Belt Kampfkunstakademie Worms kam und dort mit Budo Taekwondo begann, merkte ich schnell: Diese Kampfkunst ist etwas anderes.
Vor allem der Budo-Gedanke hat in mir etwas ausgelöst, das ich aus anderen Sportarten wie Tennis, Tischtennis oder Leichtathletik nicht kannte.

Training von Körper und Geist

Wer sich mit Taekwondo beschäftigt, sieht zunächst die körperlichen Aspekte: Ausdauer, Kraft und Koordination verbessern sich durch das regelmäßige Training. Doch für mich war noch etwas anderes entscheidend: Mit steigender Graduierung lernte ich, meinen Körper immer besser zu kontrollieren, meine Grenzen einzuschätzen und sie durch Training zu verschieben.
Das hatte direkte Auswirkungen auf mein Selbstvertrauen – das vor Beginn des Trainings eher gering war.

Taekwondo als Ausweg aus Mobbing

Schon als Kind und bis in meine Jugend erlebte ich Mobbing, Ausgrenzung und Demütigungen – vor allem aufgrund meiner Schwerhörigkeit. Das Budo Taekwondo wurde für mich zu einem sicheren Raum, einer Möglichkeit, dieser Welt zu entfliehen.
Durch das Training konnte ich zeigen, was in mir steckt, und ein neues Bild von mir selbst nach außen tragen. Meine Hörschädigung stellte hier kein Hindernis dar. Besonders die Prüfungen und Turniere waren wichtig für mich: Ich konnte mich an klaren Anforderungen messen und vergleichen, wo ich stehe.

Umgang mit Niederlagen und Erfolgen

Bei Wettkämpfen liegen Freude, Nervosität, Wut oder Enttäuschung oft nah beieinander. Diesen Gefühlsmix zu erleben und zu lernen, damit umzugehen, hat mich stark geprägt. Ich entwickelte nicht nur körperliche, sondern auch psychische Selbstkontrolle.
Rückblickend denke ich oft, wie sehr mir dieses Selbstbewusstsein schon in meiner Mobbingzeit geholfen hätte. Mit mehr innerer Stärke hätte ich weniger Angriffsfläche geboten – denn Ausstrahlung ist ein Spiegel des Selbstwertgefühls.

Der Weg zu mehr Selbstvertrauen

Nach Jahren des Taekwondo-Unterrichts habe ich ein Selbstvertrauen aufgebaut, das mich davor bewahrt, erneut Mobbing zu erleben. Wenn sich heute eine ähnliche Situation anbahnt, erkenne ich sie sofort und kann sie entschärfen.

Interessanterweise musste ich mich innerlich erst an mein neues Auftreten gewöhnen. Es war ungewohnt, von anderen sofort respektiert und akzeptiert zu werden – ohne Angst vor Ausgrenzung. Hier zitiere ich gerne einen Leitsatz meines Lehrers, Uwe Mandler, 6. Dan Budo Taekwondo: „Jeder ist verschieden und jeder hat das Recht verschieden zu sein“

Sicherheit, Gelassenheit und innere Ruhe

Das Selbstvertrauen, in Stress- oder Gefahrensituationen ruhig und bestimmt zu reagieren, habe ich bis zum Schwarzgurt weiter gestärkt. Heute weiß ich, dass ich mich im Notfall verteidigen kann – und genau das gibt mir Sicherheit und Gelassenheit.

Ohne das Budo Taekwondo-Training wäre dieser Aufbau meines Selbstbewusstseins in dieser Form nicht möglich gewesen. Deshalb bin ich überzeugt: Kampfkünste können das Leben von Hobbysportlern sowohl körperlich als auch psychisch nachhaltig verändern – wenn auch auf andere Weise als bei Profisportlern.

Die Rolle des Lehrers

Viele Kampfkünste haben den Ruf, die Persönlichkeit positiv zu formen – und es gibt sogar Studien, die dies bestätigen. Doch ich weiß: Es ist nicht das Taekwondo allein, das zu diesen Effekten führt. Viel wichtiger ist, in welchem Umfeld der Unterricht stattfindet und wie die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler gestaltet und gelebt wird.
Genau hier liegt die besondere Kraft des Lehrers und seiner Haltung.

Ausblick

Mein Weg im Budo Taekwondo ist noch lange nicht zu Ende. Ich möchte allen Wegbegleitern danken – für ihre Wertschätzung, Unterstützung und Freundschaft auf meinem Budoweg. Besonderer Dank geht an Mama, Papa, Katharina, Yvonne, Dana, Lara, Sven, Uwe, Nico, Tim, André, Samuel.

Christoph Walheim, 1. Dan Budo Taekwondo Black Belt Worms